Bundle-Rezension | Die Waise von Perdida, Infidel & En Garde!

Bundle-Rezension | Die Waise von Perdida, Infidel & En Garde!

Da sich mal wieder ein paar gelesene Comics angesammelt haben, gibt es eine kleine Bundle-Rezension für euch – von Ängsten, Mut und Stärke. Und von der Wichtigkeit, Betroffenen eine Stimme zu verleihen und Außenstehenden einen Einblick und Verständnis zu vermitteln.

Die Waise von Perdida

Titel: Die Waise von Perdida |  Autor: Regis Hautière | Übersetzung: Harald Sachse|  Illustrator: Adrián |  Verlag: Splitter VerlagErscheinungsdatum: 01.08.2020  |  Seitenzahl: 112

Nach dem tragischen Tod seiner Eltern ist der vierjährige Claudi auf dem lebensgefährlichen Planeten Perdida ganz allein auf sich gestellt. Ein seltsames Ei – ein hochentwickeltes Funkgerät – stellt seinen einzigen Kontakt zur Außenwelt dar: genauer, zum Schmuggler Max, einem alten Freund der Familie. Der lässt alles stehen und liegen, um Claudi zu Hilfe zu eilen, als ihn die Nachricht erreicht. Allerdings ist ihm auch die interstellare Polizei dicht auf den Fersen, dann nisten sich ungebetene Passagiere auf seinem Schmuggelschiff ein, und schließlich zwingen ihn technische Probleme zu einem Notstopp auf einem aufgelassenen Bergbauplaneten. Ein Wettlauf gegen die Zeit, denn jeder Tag auf Perdida könnte Claudis letzter sein…

Vielen lieben Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Auf der einen Seite hatte ich mich schon sehr auf den Comic gefreut, auf der anderen hatte ich aber wiederum auch keine genauen Vorstellungen. Gerade unter dem Lable „Splitter Double“ habe ich das Gefühl, kann alles mit dabei sein. Umso mehr habe ich mich dann gefreut, dass ich, kaum die erste Seite aufgeschlagen, vom ersten Moment an verliebt war. Die Geschichte hat einen furchtbar liebevollen und kindlich naiven Einstieg, wodurch ich mich sofort in Claudis Situation versetzt gefühlt habe.

Zeichnungen @ Adrián | Splitter Verlag

Doch kaum, dass man denkt eine Idylle für sich gefunden zu haben, folgt eine Katastrophe der nächsten und man findet sich im reinsten Abenteuer wieder. Auf einmal sieht man das alles aber eben nicht mehr nur durch die Augen eines kleinen Jungen, sondern bekommt auch einen ziemlich ausgeprägten Eindruck von all den Schattenseiten.

Dennoch bleibt Die Waise von Perdida von der ersten bis zur letzten Seite gefühlvoll und ist mir wirklich ans Herz gegangen. Nicht nur während der Handlung habe ich stetig mitgefiebert, zum Schluss gab es auch noch die ein oder andere Krokodilsträne.

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AUCH REZENSIERT VON: Janas Lesehimmel | Im Buchwinkel | Life4Books

Infidel

Titel: Infidel | Autor: Pornsak Pichetshote | Übersetzer: Katrin Aust | Illustrator: Aaron Campbell | Verlag: Splitter Verlag | Erscheinungsdatum: 01.08.2020 | Seitenzahl: 168

Eine Spukhaus-Story für das 21. Jahrhundert!

Aisha, ihr Freund Tom und dessen Tochter Kris haben ihr Leben umgekrempelt und sind umgezogen, um dem Familienleben mit Toms Mutter eine Chance zu geben. Und obwohl die neuen Nachbarn nicht gerade begeistert über eine junge Muslimin im Hijab sind, lässt sich Aisha nicht so einfach unterkriegen und blickt der Zukunft positiv entgegen. Aber als die Albträume, unter denen sie seit dem Umzug leidet, mehr und mehr ein erschreckendes Eigenleben führen, kommt ihr eine grauenhafte Erkenntnis: Ein uraltes Böses lebt in ihrem Haus, und es ernährt sich von Fremdenangst und Rassismus…

Vielen lieben Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Bei Infidel handelt es sich um einen Comic, auf den sich wahrscheinlich schon die meisten Leser sehr gefreut haben, bzw. sehr gespannt auf die Umsetzung waren!
Gerade das Horror-Genre, vor allem angeführt durch Verfilmungen ist sehr geprägt von Rassismus. Das müssen gar nicht Handlungen sein, die jedem sofort auffallen, was es allerdings überhaupt nicht besser macht, doch gerade Betroffene können hier sicherlich ein Lied von singen. Typische Situation: Eine Gruppe von jungen Erwachsenen begibt sich auf einen Ausflug, für die Quote ist auch ein Schwarzer Mann mit dabei, der sämtlichen Klischees entsprechen muss, nur um dann auf jeden Fall zu sterben. Das hört sich im ersten Moment vielleicht ein wenig platt an, wenn man sich damit aber auseinandersetzt ist es die traurige Wahrheit.
Jordan Peele, der Regisseur von Get out und Wir hat das Thema genau richtig angegriffen und nicht nur mit Klischees aufgeräumt, sondern auch für das Genre eine Meisterleistung hingelegt und gezeigt, was man alles daraus machen kann.

Zeichnungen @ Aaron Campbell | Splitter Verlag

Daher ist es nicht verwunderlich, dass er hier auch im Vorwort genannt wird, er hat nämlich wirklich etwas in diesem Genre bewirkt, was immer noch zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Um dem Ganzen noch eine Schippe raufzupacken, haben sich die Künstler hier, Pornsak Pichetshote und Aaron Campbell vorgenommen, nicht nur tief in die menschliche Psyche einzutauchen und ein paar Horror-Momente zu schaffen, sondern auch den leider allgegenwärtigen Rassismus zu vertiefen. Denn schließlich geht es im Horror-Genre um tiefste Ängste und Gefahren und genau das ist es.

Infidel ist gewaltig. Der etwas härtere Stil verdeutlicht in den richtigen Momenten das Grauen und befasst sich von einer ganz neuen Seite mit dem Thema. Es ist erschreckend und beängstigend, doch so surreal es manchmal wirkt, kommt einem fast im selben Moment die Erkenntnis, wie viel Wahrheit hier in jeder Szene steckt. Die Umsetzung hier hat mich absolut fasziniert und hatte eine ganz besondere Wirkung, gerade auch in Kombination mit dem Vorwort und den Blick hinter die Kulissen im Anhang ermöglichen unglaublich viel Verständnis, wenn man es dann möchte.

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AUCH REZENSIERT VON: Bella’s Wonderworld | Im Buchwinkel | Bizzaro World

En Garde!

Titel: En Garde! | Autor: Quentin Zuttion | Übersetzer: Anne Thies | Illustrator: Quentin Zuttion | Verlag: Splitter Verlag | Erscheinungsdatum: 01.08.2020 | Seitenzahl: 208

Lucie schläft mit einem Messer in der Hand. Tamara kämpft und kann nicht aufhören. Nicole verschwindet immer weiter, und bald ist nichts mehr da. Alle drei Frauen waren Opfer sexueller Gewalt. Alle drei wollen einen Weg zurück ins Leben finden und greifen dafür zu den Waffen: Attacke, Parade, treffen und es zulassen, getroffen zu werden. Therapeutisches Fechten, ein Jahr lang kämpfen, um sich selbst zu retten. Und damit hinter ihren Masken die Heilung beginnen kann.

Vielen lieben Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Nach Nennt mich Nathan war nicht nur für mich persönlich klar, dass Quentin Zuttion eine ganz wichtige Position in diesem Bereich einnimmt. Der Autor und Künstler versteht sich darauf, wichtigen Themen, die noch nicht für alle als „salonfähig“ zählen anzusprechen und somit nicht nur Betroffenen eine Stimme zu geben, sondern auch Außenstehenden mehr Möglichkeit für ein gewisses Verständnis und zur Aufklärung bietet.
So befasst sich En Garde! im Fokus mit drei ganz unterschiedlichen Frauen, die leider alle Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen mussten.

Zeichnungen @ Quentin Zuttion | Splitter Verlag

Es ist unglaublich schwierig dieses Thema anzugehen, es zwar direkt zu thematisieren, aber auch zeitgleich ein gewisses Feingefühl zu wahren. Und genau das ist Quentin Zuttion gelungen. Jede Szene in diesem Comic ist ausgestattet mit unglaublich viel Eindringlichkeit, aber (so hoffe ich) auf eine Art, die niemandem zu nahe tritt. Und auch gerade dadurch, dass die Protagonistinnen so unterschiedlich sind, wird die Möglichkeit geboten genauso unterschiedliche Wege aufzuzeigen.

Der Ansatz hier ist nicht frei erfunden, sondern richtet sich tatsächlich nach einer Herangehensweise, die so bereits praktiziert wird. Diese Fechtkurse dienen, wie im Comic beschrieben, nicht nur der Wiedererlangung der Selbstsicherheit, sondern schaffen auch einen Raum für Betroffene, in dem sie sich austauschen können, wenn sie wollen, aber vor allem auch verstanden und nicht ausgeschlossen fühlen. Ich liebe Comics zur Unterhaltung, doch es sind Geschichten wie En Garde!, die sich einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen schaffen, weil sie mich bewegen und mir einen Blick verschaffen, der sich mir vorher nicht eröffnet hat.

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AUCH REZENSIERT VON: Der Büchernarr | Bella’s Wonderworld | Im Buchwinkel | Comickunst

Die Waise von Perdida hat mich definitiv mit seiner Eindringlichkeit und den Emotionen überrascht, die ich hier nicht erwartet hätte. Ein Comic, der tolle Unterhaltung, aber eben auch so vieles mehr bietet.
Infidel beweist nicht nur, was das Horror Genre zu bieten hat, sondern beschäftigt sich mit Rassismus und seinen möglichen Auswirkungen und bringt es so auf den Punkt, wie es bisher kaum jemand geschafft hat.
En Garde! lässt zwar schon auf eine unglaublich starke Story vermuten, beweist sich und überrascht aber dennoch mit seiner Eindringlichkeit und Zeichnungen, die es nicht besser hätten ausdrücken können.
Drei Comics, drei Highlights und somit ein paar klare Leseempfehlungen!

5 comments found

  1. Wie schön, dass du gleich mit allen drei Comics so ein Glück hattest! 🙂
    Zu Infidel ist eine Adaption geplant, und ich hoffe sehr, dass die zum einen wirklich realisiert wird und wenn ja, diese Stimmung eingefangen bekommt… der Comic ist wirklich ein Kleinod!

  2. Hey Jill =)

    erst einmal vielen lieben Dank für die Verlinkungen! Deiner Meinung zu „Infidel“ kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Ein wahnsinnig packender Beitrag zu Rassismus und seinen Folgen für Betroffene. Der Comic hat mich lange nicht mehr losgelassen, schön, dass es dir genauso ging.

    Viele liebe Grüße und ein schönes herbstliches Wochenende,
    Nico

    1. Hey Nico!

      Immer wieder sehr gerne! Außerdem fand ich auch deine Punkte zu Die Waise von Perdida sehr interessant, weil mir das auch beim Lesen direkt aufgefallen ist.

      Liebe Grüße
      Jill

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