Rezension: Main Street / Sinclair Lewis

Rezension: Main Street / Sinclair Lewis

Titel: Main Street  |  Autor: Sinclair Lewis  |  Übersetzer: Christa E. Seibicke  |  Verlag: Manesse  | Erscheinungsdatum: 23.04.2018 | Seitenzahl: 1008

Ein Schlüsselroman zum Verständnis der modernen USA, ihrer tiefen Ambivalenz und inneren Zerrissenheit
Carol Kennicott, eine junge Frau aus Neuengland, hat es in ein Provinznest verschlagen, deren Einwohner, so merkt sie rasch, völlig anders ticken als sie. Um keinen Preis wollen sie von Vorurteilen abrücken und mit neuen Ideen beglückt werden. Im Gegenteil: Wer an ihren tief verwurzelten Überzeugungen rüttelt, kann sein blaues Wunder erleben. So entspinnt sich ein Kampf zwischen zwei konträren Weltbildern – urbane Liberalität vs. rustikales Hinterwäldlertum. Dass Letzteres nicht so einfach zu überwinden ist, sondern böse zurückschlägt, wenn es sich bedroht fühlt, lässt sich an der USA der Gegenwart ebenso studieren wie an diesem turbulenten, unterhaltsamen Klassiker.

Vielen Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars.

Nachdem ich mich ja schon an Das Schloss von Franz Kafka versucht habe, durfte auch diese wunderschöne Ausgabe aus dem Manesse Verlag bei mir einziehen. Ich war wirklich sehr gespannt, was dieser Wälzer im Miniformat zu bieten hat und ob ich in diese Geschichte besser reinkommen werde…
Gemeinsam mit Sarah habe ich mich ans Werk gemacht, aber doch schnell gemerkt, dass dies alles andere als ein herkömmlicher Buddyread wird.

Einen Schritt vor und zwei Zurück

Man kennt das Gefühl, so sehr man sich auch bemüht, voranzukommen, gibt es doch immer wieder Menschen oder auch Situationen, die einem Steine in den Weg legen. Carol hat sich auf die Fahne geschrieben das Provinzstädtchen Gopher Praire einmal ordentlich umzukrempeln, doch die Bürger dort sehen es ganz anders.
Sinclair Lewis hat hier nicht nur mit einer guten Portion Humor, sondern auch vielen Klischees gearbeitet, die leider doch immer ziemlich viel Wahrheit enthalten.
Denn auch, wenn die Denkweise und die geplanten Schritte von Carol lobenswert sind, so ist es ihre Herangehensweise nicht immer unbedingt. Als kleine Visionärin und Traumtänzerin soll alles am besten sofort funktionieren und jeder Rückschlag wirft sie in ein tiefes Loch. Die eigentliche Idee wurde dann wieder unter den Teppich gekehrt und dafür neue Ansätze entworfen. Konsequenz war demnach vielleicht nicht die größte Stärke der Protagonistin, dafür aber ordentliches Durchhaltevermögen.

Die Bürger von Gopher Praire und auch Will, der Partner von Carol belächeln ihr Verhalten viel mehr – in guten Zeiten. Denn meistens wird ihr hier gehörig vor den Kopf gestoßen und das in bester „Hinterwäldlermanier“. Hier treffen wahrlich Welten aufeinander und haben auch mich selbst beim Lesen in den Wahnsinn getrieben. So sehr man auch die Parallelen erkennt, so sehr möchte man ihnen am liebsten den Rücken zukehren.

Bezug zur heutigen Zeit

Auch wenn das Geschehen in der Geschichte so einige Jahrzehnte zurückliegt, so scheint es einem beim Lesen gar nicht immer der Fall zu sein. Dass dieses Werk von Lewis immer noch an Universitäten mit einbezogen wird, hat durchaus seinen Grund. Auch, wenn es teilweise als Vorurteil verschrien ist, so lässt es sich sicherlich nicht gänzlich widerlegen – Amerika politische und gesellschaftliche Einstellungen sind oftmals gegen jede Zeit.
So hat der Autor hier scheinbar auch mit seinem eigenem ehemaligen Wohnort abgerechnet, was verständlicherweise für Aufruhr gesorgt hat – Fortschritte werden nicht gerne angesehen, ebenso wenig wie Veränderungen. Alles scheint unglaublich rückständig und gerade in unserer heutigen Zeit überhaupt nicht vorstellbar.
Doch mit dieser Einstellung schießt man definitiv am Ziel vorbei, denn auch zu unserer heutigen Gesellschaft werden äußerst viele Parallelen erkenntlich.

Carol war für mich persönlich leider keine Sympathieträgerin, was aber nicht bedeutet, dass ich ihre Arbeit und ihre stetigen Bemühungen nicht anerkennen würde. Es ist wie ein Ankämpfen gegen Windmühlen – man verliert fast schon selbst den Antrieb und die Lebenslust. Denn selbst nach der ein oder anderen Wendung scheint es am Ende nicht viel genützt zu haben, viel eher spiegelt sich hier wieder, aus welchen Fehlern unsere Gesellschaft wohl nie lernen wird. Mit einigen Kürzungen hätte mich der Autor allerdings mehr fesseln können, so war es wirklich schwer, sich durch die Seiten und die Geschichte zu kämpfen, sodass ich zwischenzeitlich einige Passagen nur überflogen habe. Vielleicht war es aber auch einfach nicht mein Stil, was allerdings nicht die Message hinter dieser Geschichte kleinreden soll.

Sinclair Lewis hat mit Main Street ein wahrlich interessantes und vor allem ehrliches Werk auf den Markt gebracht.
Stellenweise hat mich die Geschichte um Carol wirklich in den Wahnsinn getrieben und die satirische Art konnte meine Stimmung kaum noch heben. Was hier aber mit deutlich gezeigt wird, sollte keineswegs verkannt werden – denn die Parallelen zu unserer heutigen Zeit ist nicht zu leugnen.

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3 comments found

  1. Sali, Jill.
    Ein Post ohne Kommentar – hier gilt es etwas zu schreiben! 😉
    Leider verfällt der Mensch immer wieder gernst in schlechte Gewohnheiten. Er erklärt Borniertheit zur Weisheit, ist grundsätzlich dem Fremden ablehnend eingestellt (wobei er sich am Grad der Ablehnung gern manipulieren läßt) & liebt Dogmen aller Art (am besten solche, die sich auf ein Feindbild projezieren lassen). In den Staaten – wie auch anderswo – hat sich in über einem Jahrhundert nicht viel getan.
    Von daher bleiben solche Bücher wichtig, um den Menschen einen Spiegel vorhalten zu können. Und es genügt bereits jamanden mit einer Geschiche zum Nachdenken gebracht zu haben.

    Ähnlich wie die Provinzler ist auch Carol mit Fehlern behaftet, weil sie nicht selten ein hehres Ziel auf den Altar stellt. Und wenn Dickschädel aufeinander treffen, dann gibt die Göttin der Weisheit recht oft auf.
    Ein wenig mag Carol in ihrem Kampf für die Moderne wie Don Quixote sein, der ja auch seinen Idealen nachträumt. Leider hat sie nur keinen Weisen wie Sancho Panza an der Seite.

    Ironie der Realität: Diejenigen, die sich am empörtesten dagegen wehren als bornierte Hinterwäldler eingeschätzt zu werden, agieren eben tagtäglich wie hinterwäldlerische Bornierte.

    Habe ich Dir schon Terry Gilliams ‚The Man Who Killed Don Quixote‘ anempfohlen!? 🙂

    bonté

    1. Lieber Rob,

      ich danke dir wie immer für deine ausführliche Antwort!
      Du hast durchaus recht – sobald eine geschenke zum Nachdenken anregt – und wann tut sie das schon nicht? – hat sie sich fraglos gelohnt.
      Diesen Aspekt kann ich dieser auch auf keinen Fall absprechen, aber so ganz nach meinem Geschmack war sie leider dennoch nicht. Wobei ich hier natürlich nur für mich spreche – ich kann mir gut vorstellen, bzw. es gut nachvollziehen, wieso diese Geschcihte auf so viel Begeisterung gestoßen ist und dadurch zu solch einer Bekanntheit geworden ist.

      Liebe Grüße
      Jill

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