Rezension | Southern Gothic von Grady Hendrix

Rezension | Southern Gothic von Grady Hendrix

Titel: Southern Gothic – Das Grauen wohnt nebenan | Originaltitel: The Southern Book Club’s Guide to Slaying Vampires | Autor*in: Grady Hendrix | Übersetzer*in: Jakob Schmidt | Verlag: Heyne | Erscheinungsdatum: 10.05.2021 | Seitenzahl: 512

Patricia Campbell ist unzufrieden. Ihr Mann ist ein Workaholic, ihre beiden süßen Kinder sind zu launischen Teenagern mutiert, und ihre pflegebedürftige Schwiegermutter braucht ständig Aufmerksamkeit. Ihr einziger Lichtblick ist der Buchclub, den sie mit ihren engsten Freundinnen gegründet hat: Hier kann sie ihre Leidenschaft für True Crime und Serienkiller voll und ganz ausleben.
Eines Abends wird Patricia von ihrer dementen Nachbarin attackiert, und kurz darauf tritt deren Neffe, James Harris, in Patricias Leben. Der vielgereiste, belesene und unverschämt gutaussehende James weckt Gefühle in Patricia, die sie schon seit Jahren nicht mehr gespürt hat. Doch als im weniger wohlhabenden Viertel der Stadt immer mehr Kinder verschwinden, befürchtet Patricia, dass James mehr Ted Bundy als Brad Pitt ist. In Wahrheit ist James jedoch eine ganz andere Sorte Monster – und Patricia hat ihn schon längst in ihr Heim gelassen …

Vielen Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Irgendwie hat allein das Cover solch eine Faszination in mir ausgelöst, dass ich unbedingt erfahren musste, was für eine Geschichte dahinter steckt!

Immer wieder überraschend

Grady Hendrix war mir bisher neu, umso überraschter war ich bereits nach den ersten Seiten. Der Autor nimmt einige Themen auf, die definitiv schwer sind, gerade als nicht betroffene Person. Doch ich für meinen Teil habe meinen Weg damit gefunden. Grady Hendrix bringt gleich zu Beginn schon einen großen Reißer:

Hausfrau, die (Substantiv, feminin) – eine unbedeutende, wertlose Frau oder ein ebensolches Mädchen.

Oxford English Dictionary, Kompaktausgabe, 1971

Bei diesem Auszug schlackern sicherlich nicht nur mir die Ohren und ein kleiner Blick bei Google bestätigt diese Quelle. So kann man wahrscheinlich schon erahnen, worauf der Autor sich in dieser Geschichte unter anderem fokussiert. Das Setting aus dem Zusammenschluss der Frauen lässt im ersten Moment an Desperate Housewifes erinnern, doch bekommt all dies noch einen ziemlich düstereren Touch. Dass das Bild der Frau vor nicht allzu langer Zeit noch wesentlich schlechter als jetzt aussah ist natürlich kein Geheimnis, doch es so serviert zu bekommen, ist eben auch nochmal eine andere Hausnummer. Dass sich ein Mann dieses Bild annimmt, wirft natürlich unterschiedliche Meinungen auf und jede davon hat ihre Berechtigung. Auch ich musste im Verlauf der Geschichte immer wieder schlucken und war an der einen oder anderen Stelle kurz davor, mir die Haare zu raufen und das Buch schreiend aus dem Fenster zu werfen. Denn eins muss ich euch sagen: es ist leider nicht so, dass hier die Gesellschaft reflektiert und dieses Verhalten als falsch erkennt, so bewusst es Leser:innen auch sein mag.

Gerade Patricia, unsere außergewöhnliche Protagonistin, trifft dieser Umstand auch besonders hart. Denn wo einige ihrer Mitstreiterinnen ihr Verhalten ebenso wie die Männer anzweifeln, versucht sie sich immer wieder aus diesem Kreis zu befreien – doch wie gut funktioniert das, ohne Rückhalt?
Ebenso „grob“ wird auch das Thema Rassismus aufgenommen, denn die ersten Kinder, die verschwinden sind Schwarz. Und es scheint die Gemeinschaft genau dadurch wesentlich weniger zu interessieren. So ist die Geschichte definitiv nicht leicht zu verdauen und sicherlich auch nicht an allen Stellen politisch korrekt, da möchte ich mir kein Urteil erlauben – doch für mich war sie in ihrer Darstellung dennoch etwas Neues und gerade auch die Momente der Wut, haben bei mir selbst für viel Selbstreflexion und ein intensives Auseinandersetzen mit der Story gesorgt.

Aber war da nicht etwas mit Vampiren?

Kommen wir zum „spaßigen“ Teil des Buches:
Das Cover trügt hier auf den ersten Blick, doch je genauer man hinschaut, desto genialer und passender finde ich es!
Die Frauen des idyllischen Vororts haben schnell ein gemeinsames Hobby für sich gefunden, dass für den perfekten Ausgleich sorgt: Ein Buchclub! Doch hier hat sich die Truppe schnell von Klassikern verabschiedet, wesentlich interessanter sind die True Crime Fälle der bekanntesten Serienkiller. Die Frauen finden hier nicht nur Unterhaltung für ihren Alltag, sondern eben auch gemeinsamen Austausch, der mal so ganz ab von ihren restlichen Gesprächen und Tätigkeiten ist. Und da schlagen wir auch schon in die nächste Kerbe, dieses außergewöhnlichen Genre-Mixes.

Wer einen typischen Vampir-Roman sucht, der wird hier wahrscheinlich weniger fündig, denn ein großer Teil der Geschichte macht eher das Grauen der eigenen Fantasie und der aufgestellten Vermutungen aus – was allerdings nicht bedeuten soll, dass es hier auch so einige Szenen gibt, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Grady Hendrix hat hier eine kleine versteckte Homage an Klassiker des Horrors und vor allem der Vampire auf Papier gebracht, die bei Kennern bestimmt für das ein oder andere Schmunzeln sorgt, doch auch eher „unerfahrene“ definitiv auf ihre Kosten kommen lässt.

Der Schreibstil ist von der ersten Seite an genau mein Geschmack, gerade am Anfang bin ich fast vor Lachen von der Couch gefallen, der schwarze Humor trifft genau meinen Geschmack. Dieser verfliegt zwar ziemlich schnell, weil sich dann die ernsten Themen in den Vordergrund schieben, doch es scheint einfach alles unglaublich durchdacht. Was mit einem Lachen beginnt, geht über in absolute Verzweiflung, Fremdschämen und Momenten, die einen einfach nur fertig machen bis hin zu diesen, die grandiosen Horror mit sich bringen. Für mich persönlich eine wirklich außergewöhnliche Story, die mich durchweg unterhalten hat und zum Nachdenken anregen konnte. Eine ganz große und mal etwas andere Empfehlung von mir!

Wahrscheinlich weiß niemand so wirklich, was hinter der Geschichte Southern Gothic – Das Grauen wohnt nebenan von Grady Hendrix steckt und genau dadurch ist auch automatisch für eine Überraschung gesorgt. Für mich persönlich ein hervorragender Genre-Mix, der wichtige Themen einbettet, die mich oftmals an meine Grenzen gebracht haben, ebenso aber für gehörige Gänsehautmomente gesorgt hat, die ich ebenfalls so schnell nicht vergessen werde.
Eine außergewöhnliche Geschichte und eine klare Leseempfehlung!

KAUFEN!

AUCH REZENSIERT VON: faanielibri | Letannas Bücherblog

4 comments found

  1. Hi Jill,
    sehr aufschlussreiche Rezension, wie immer xD. Ich stimme dir auch in fast allem zu. Das Buch ist definitiv keine leichte Kost, Wut, Hass, Ekel, alles beim Lesen dabei, aber ich finde, wenn ein Buch beim Leser*in so starke Emotionen auslösen kann, ist das auch eine Leistung, zumal es zwischen den Zeilen ja trotzdem immer wieder Kritik an den Zuständen gibt, sie ist nur vielleicht nicht so offen und herausbrüllend, wie es manche gerne hätten.

    Hier ist übrigens meine Rezension
    Liebe Grüße, Sandra

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