Rezension | Game Changer von Neal Shusterman

Rezension | Game Changer von Neal Shusterman

Titel: Game Changer – Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen | Originaltitel: Gamer Changer | Autor*in: Neal Shusterman | Übersetzer*in: Kristian Lutze, Andreas Helweg, Pauline Kurbasik | Illustrator*in: Christopher Tauber | Verlag: FISCHER Sauerländer | Erscheinungsdatum: 13.10.2021 | Seitenzahl: 416 | Altersempfehlung: ab 14

Stell Dir vor, du könntest die Welt verändern … Welche Entscheidung triffst Du?

Ash ist ein weißer, heterosexueller cis-Junge aus der Mittelschicht. Er hält sich selbst für einen guten Kerl, aber nicht gerade für den Mittelpunkt des Universums. Bis er eines Freitags in eine andere Dimension katapultiert wird, in der er genau das ist – der Mittelpunkt des Universums! Damit verfügt ausgerechnet Ash nun über die Macht, die Welt zu verändern. Doch irgendetwas geht schief, und Ash führt – aus Versehen – die Rassentrennung wieder ein. Natürlich will er das wieder geradebiegen, aber: Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen.

Ein Social Thriller der Extraklasse über eine durch und durch ungerechte Welt wie unsere.

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

TRIGGERWARNUNG
Rassismus, Homophobie, Sexismus

(Diskriminierung & Ungerechtigkeit)

Neal Shusterman gehört für mich zu den ganz besonderen Autor*innen und gerade auf dieses Buch war ich unglaublich gespannt.

So ganz anders

Mit der Vollendet-Reihe hat der Autor schon so einige Leser*innen für sich gewonnen, doch gerade die Scythe Trilogie ist auf große Begeisterung gestoßen. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Erwartungen steigen, so auch hier.
Dass viele von dem so ganz anderen Setting eher ernüchtert waren und erst einmal reinfinden mussten, kann ich absolut verstehen, auch ich habe kurz gebraucht. Hatte aber vorher schon in etwa ein Gefühl dafür, was uns hier erwartet. Der Klappentext lässt zwar schon auf die Thematik schließen, beachtet aber bitte dennoch auf jede Fall die Triggerwarnungen. Gewidmet ist das Buch „den vielen Opfern des Ungeziefers Ignoranz und Intoleranz“ mit einer langen Liste, die aber leider nicht annähernd alle Namen enthält.

Doch worum geht es nun genau? Es geht um den jungen Ash – weiß, cis, hetero – der sich für einen guten Menschen hält, der keine Vorurteile hat und eigentlich auch nur die besten Absichten. Dass sein bester Freund Leo (BPoC) ihn oft auf schlechte Verhaltensmuster und diskriminierende Situationen hinweisen muss, möchte er nicht bestreiten, aber hält es schon auch manchmal für übertrieben. Und so ist es privilegiert zu sein.

Damals dachte ich, weil ich eine diverse Gruppe von Freunden hatte, könnte ich mein Kästchen für soziale Verantwortung abhaken. Als ob es für mich nicht mehr zu tun gäbe, als ein bisschen Braun an meinem Tisch zu haben. „Hautfarbe sollte keine Rolle spielen“, hat man mich immer gelehrt – und ich habe es immer geglaubt. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen dem was sein sollte, und dem, was ist. Privilegiert zu sein heißt, diese Kluft nicht wahrzunehmen.

„Game Changer“ von Neal Shusterman

Anmerkung zum Zitat: Ich finde die Kernaussage sehr wichtig, aber (!), nur weil ich die Kluft erkenne, bedeutet es nicht, dass ich als weiße, cis, hetero Frau weniger privilegiert bin als vorher.

Ich denke den meisten von uns, die selbst nicht von Ismen, oder zumindest nicht von allen betroffen sind, geht es so, dass wir große Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen erkennen, sie aber nicht immer wirklich verstehen, weil wir diese Erfahrungen nicht machen mussten. Das ist per se nichts schlechtes, doch es nicht verstehen zu wollen und auf das eigene Recht, die eigene (unbetroffene) Wahrheit zu beharren eben schon. Ein nicht nur aktuelles, sondern auch sehr anhaltendes Thema ist, dass betroffene Personen nicht für Aufklärungsarbeit zuständig sind. Viele machen es trotzdem, tagtäglich, doch wenn wir wirklich gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und weitere Diskriminierungsformen sind, dann müssen wir es auch zeigen. Indem wir uns bemühen es zu verstehen und strukturelle Probleme zu erkennen und zu durchbrechen.
So bleibt Ash bald gar nichts anderes mehr übrig, als sich dem zu stellen.

Parallelen zwischen Protagonist und Autor

Ash spielt erfolgreich Football und hier kommt es zum Auslöser – durch einen Tackle switcht er in eine neue Realität, auch wenn er es zuerst nicht wirklich als das wahrnimmt. Das Ganze beginnt zuerst mit kleineren Veränderungen, wie beispielsweise blauen Stoppschildern. Klingt erst einmal nicht phänomenal? Dient aber ganz gut der Verwirrung, die er durchgeht, in dem sich etwas verschoben hat, was für alle selbstverständlich erscheint, sich ihm aber nicht erschließt.
Das ist aber leider nur der Beginn und die Ausmaße weiterer Veränderungen sind verheerend, denn so kommen wir auf einmal an einen Punkt, an dem die Rassentrennung nie verabschiedet wurde und auf einmal sieht die Welt wirklich ganz anders aus. Hierbei wird der aktuelle Stand unserer Gesellschaft in keinem Fall glorifiziert, es zeigt nur viel mehr auf, wie groß manchmal die Kluft sein muss, dass nicht betroffene Personen diese wahrnehmen können.

Ich muss zugeben, dass ich ein wenig Angst vor der Umsetzung hatte. „White Savior“ ist manchen von euch sicherlich ein Begriff. Hierbei geht es um eine Figur, egal ob Film, Buch oder eben leider auch im echten Leben, die selbst weiß ist und der Meinung ist, Schwarze Menschen retten zu müssen. Und was impliziert das? Dass Schwarze Menschen die Hilfe von weißen Menschen bräuchten, also eben nicht als gleich angesehen werden. Auch das ist ein Muster, was viele von uns als sehr positiv gelernt haben. Ich habe zwar gemerkt, wie es auch dem Autor bewusst war und er versucht es zu thematisieren, ob die Umsetzung aber so gelungen ist, da bin ich mir unsicher.

In manchen Kritiken habe ich gelesen, dass den Leser*innen viele wichtige Themen, hier gibt es eben mehrere, zu oberflächlich angeschnitten wurden. Das kann ich absolut verstehen, nur fand ich persönlich dieses Aufklärungsmaß gar nicht so verkehrt. Wir haben viele Probleme in unserer Gesellschaft und es hilft auch nicht wirklich sich einem zu stellen und die anderen zu ignorieren. Viel eher ist es daran, zu erkennen, wie falsch es prinzipiell ist Menschen nach ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder nach Behinderungen zu beurteilen und zu diskriminieren. Wir werden auch nicht nur einem dieser „Reize“ ausgesetzt, sondern allen. Und so durchläuft sie auch Ash. Alle Themen richtig aufzuarbeiten und dafür zu sensibilisieren ist meiner Meinung nach in einem Buch nicht möglich, es soll aber auch eher den Anreiz schaffen, sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu werden und gewisse Strukturen zu hinterfragen. Was ein klein wenig paradox ist, weil Ash es ja von sich aus auch nicht schafft…aber vielleicht ja dafür manche der Leser*innen?

Die Möglichkeit wie Ash anders gelesen zu werden oder andere Szenarien durchzuspielen gelingt uns zwar nicht, doch diesen Lernprozess zu verfolgen ist in meinen Augen schon ein guter Schritt. Gerade weil er sich gar nicht bewusst rassistisch oder zum Beispiel homophob verhält – doch erst ein neuer Blickwinkel ermöglicht ihm selbst zu begreifen, dass man das auch ungewollt/unbewusst tun kann.
Ich gebe ganz ehrlich zu, dass mich das Buch dennoch ziemlich aufgewühlt und auch unsicher zurückgelassen hat. Auf der einen Seite fand ich viele Entwicklungen stark und wichtig, auf eine zugängliche Art, dass nicht jeder abblockt, sondern sich eigenes Fehlverhalten zugestehen kann. Auf der anderen Seite ist es aber auch einfach schmerzlich und traurig, dass Ash nur lernen kann, in dem er selbst betroffen oder in hohem Maße mit diesen Themen konfrontiert wird. Leider spiegelt aber auch genau das unsere Gesellschaft wieder. Ein Teufelskreis.
Was bleibt mir noch zu sagen? Ich sehe den guten Willen dahinter, fand viele Momente bewegend und wichtig, den grundsätzlichen Antrieb aber schwierig. Ich weiß aber auch, dass diese Geschichte dennoch einigen die Augen öffnet.
Kritiken an diesem Buch kann ich absolut verstehen, aber ich sehe auch die guten Absichten und Ideen in der Geschichte.

So lange habe ich mich vor der Rezension zu Game Changer von Neal Shusterman gedrückt – die Geschichte beschäftigt mich immer noch sehr und ruft ganz unterschiedliche Gefühle in mir hervor. Ash – weiß, cis, hetero – erkennt lange nicht seine Privilegien und wird nun damit konfrontiert, was ihn zum Verstehen und Umdenken bewegt, was enorm wichtig und gut ist. Nur der Weg bleibt ein wenig schwierig. Ich kann Kritiken an dem Buch absolut verstehen, sehe aber auch einen wichtigen Versuch in die richtige Richtung.
Reflektiert die Geschichte, lest euch andere Meinungen dazu durch und nehmt das beste mit!

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