Rezension: Call Me by Your Name / André Aciman

Vielleicht begann es aber auch irgendwann danach und von mir unbemerkt. Du siehst einen Menschen und siehst ihn doch nicht wirklich, weil er in den Kulissen steht.

call me by your name

Titel: Call Me by Your Name – Ruf mich bei deinem Namen | Originaltitel: Call Me by Your Name | Autor: André Aciman | Übersetzer: Renate Orth-Guttmann | Verlag: dtv | Erscheinungsdatum: 09.02.2018 | Seitenzahl: 288

Völlig überraschend trifft Elio seine erste große Liebe: Der Harvard-Absolvent Oliver ist für sechs Wochen bei Elios Familie an der italienischen Riviera zu Gast. Oliver ist weltgewandt, intelligent und schön. Er ist alles, was Elio will, vom ersten Moment an. Die Zuneigung ist gegenseitig, doch Schüchternheit und Unsicherheit veranlassen beide zur Zurückhaltung. Ein fast unerträgliches Spiel von Verführung und Zurückweisung beginnt.

Nachdem ich den Trailer zur Verfilmung gesehen habe, war ich gleich hin und weg. Mit der Anmerkung, dass diese Geschichte auf einer Romanvorlage basiert, habe ich mich gleich einmal schlau gemacht, denn vorher war mir die Geschichte nicht bekannt. Die Erwartungen waren groß, auch, wenn ich eigentlich gar nicht genau wusste, was mich bei dieser Geschichte erwarten würde.
Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Gleich die ersten Seitan haben mich überrascht. Kaum angefangen, wird man gleich von dem einnehmenden Stil von André Aciman überrollt. Philosophisch, melancholisch und ehrlich.
Alles liest sich ein wenig wie ein Tagebuch, bei dem Elio kein Blatt vor den Mund nimmt. Unverblümt und dennoch literarisch hochtrabend erlebt man hier die einzigartige emotionale Entwicklung, die man meist nur in einer ganz bestimmten Lebensphase durchgeht und sich selbst kennenlernt.

Zuerst hat mich der Stil ein wenig ausgebremst – wenn ich ehrlich bin, habe ich mich anfänglich dem jungen Protagonisten gegenüber auch ein wenig unterlegen gefühlt. Doch nach und nach wird man mehr eingefangen und fliegt über die Seiten, durchlebt diese Emotionen und ein unvergessliches Gefühl nimmt einen ein.
Denn obwohl ich persönlich andere Vorstellungen als Elio habe, ist mir ein fester Partner doch lieber und eigentlich auch unabdingbar, war es in keinster Weise befremdlich. Im Gegenteil, ich hatte eher das Gefühl, etwas Neues kennenzulernen, was mir ansonsten wohl für immer verborgen geblieben wäre.

Vielleicht begann es bald nach seiner Ankunft, bei einer jener strapaziösen Mahlzeiten, als er neben mir saß und ich sah, dass seine Handflächen – trotz der leichten Bräune von einem kurzen Aufenthalt in Sizilien im Frühsommer – die gleiche Farbe hatten wie die helle weiche Haut seiner Sohlen, der Hals, der Unterarme an den Stellen, an die nicht viel Sonne kam. Fast ein helles Pink, glatt und glänzend wie ein Eidechsenbauch. Intim, züchtig und unberührt, wie verlegene Röte auf dem Gesicht eines Athleten oder ein Sonnenuntergang nach einem Gewitter. Es verriet mir Dinge über ihn, nach denen ich nie zu fragen gewagt hätte.

Bei der Geschichte von Elio und Oliver geht es keinesfalls um ein Coming out. Es geht um die Erkenntnis, dass man sich nicht festlegen muss, dass man Menschen einfach lieben und anziehend finden kann, unabhängig vom Geschlecht. So handelt es sich hierbei zwar eher um Bi- als um Pansexualität, doch eigentlich geht es genau darum, dass diese festen Kategorien eher keine Rolle spielen. Es geht um körperliche Anziehung, aber auch das Gefühl, sich zu jemandem intellektuell hingezogen zu fühlen. Seine Eigenen Fantasien auszuleben, um herauszufinden, was einen glücklich macht. Ohne Kompromisse, ohne Einschränkungen. Und vor allem ehrlich.

Vom sexuellen, bzw. erotischen Aspekt wurde hier unglaublich offen an das Thema herangegangen, was mich doch überrascht hat. Doch diese Mischung mit dem Schreibstil und den so entwaffnenden Gedankengängen des Protagonisten waren einfach ein harmonisches Leseerlebnis, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe.

Ich denke, ich spreche nicht nur für mich, wenn ich sage, dass die Phase zwischen der Jugend und dem Erwachsenwerden etwas sehr prägnantes und einzigartiges ist. Dass Gefühle entstehen, die einen sehr lange begleiten und auch zeichnen, einem eine gewisse Orientierung fürs Leben geben.
So konnte ich aus Call Me by Your Name unglaublich viel mitnehmen, zum einen habe ich mich ein wenig zurückversetzt gefühlt und auf der anderen Seite habe ich so viel Neues entdeckt, das mich bereichert hat.
Eine wunderschöne und zugleich traurige Sommergeschichte. Ein Erlebnis, auf das man sich einlassen können muss – die zwar sehr eigen ist, aber genau dadurch überzeugen kann.

André Aciman, konnte mich mit seinem Roman Call Me by Your Name nicht nur fordern, sondern vor allem auch bereichern. Eine melancholische und zugleich befreiende Geschichte von Liebe, ersten Erfahrungen und dem Leben selbst. Mit einem doch eher eigenen Schreibstil, den ich persönlich doch auch ein wenig anspruchsvoller fand, war das Werk wahrlich eine Abwechslung für mich.

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5 comments found

  1. Liebe Jill,
    das klingt irgendwie vielversprechend.
    Und irgendwie erinnert mich das mit dem anspruchsvollen Stil, aber auch thematisch an Aristoteles und Dante.
    Kennst du das? Vielleicht ist das ja was für dich.
    Ich mochte es sehr.

    Liebe Grüße <3

      1. Liebe Nicci,

        jetzt wo du es sagst, fällt mir dein Beitrag wieder ein – da hatte mich das Buch auch schon so angesprochen!
        Ich werde es mir auf jeden Fall nochmal genauer ansehen 🙂

        Liebste Grüße <3 Jill

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