Rezension: Walkaway / Cory Doctorow

Rezension: Walkaway / Cory Doctorow

Titel: Walkaway  |  Originaltitel: Walkaway  |  Autor: Cory Doctorow  |  Übersetzer: Jürgen Langowski |  Verlag: Heyne  |  Erscheinungsdatum: 11.06.2018  |  Seitenzahl: 736

Die nahe Zukunft: Der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet, die moderne Gesellschaft wird von den Ultra-Reichen regiert und die Städte haben sich in Gefängnisse für den normalen Bürger verwandelt. Doch es ist auch eine Welt, in der sich Lebensmittel, Kleidung und Obdach per Knopfdruck produzieren lassen. Warum also in einem System ausharren, das die Freiheit des Menschen beschränkt? Vier ungleiche Helden machen sich auf den Weg in die Wildnis. Dort suchen sie Unabhängigkeit, Glück und Selbstbestimmung. Was sie aber stattdessen dort finden, stellt ihre ganze Welt auf den Kopf: den Weg zur Unsterblichkeit …

Vielen Dank an den Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Als ich das Buch bei Instagram in meiner Timeline entdeckt habe, war ich gleich neugierig – utopische Geschichten kommen mir eher seltener auf den Tisch, wieso also nicht einmal ausprobieren?
Der Inhalt kingt in meinen Augen wirklich vielversprechend und die Geschichte hat bisher wirklich gute Kritiken genossen.

Zwischen Verwirrung und Struktur

Schon allein die ersten Seiten zeigen auf, dass es kein Buch ist, das sich nebenbei wegliest.
Der erste Eindruck war für mich ein wenig skurril und überdreht, schon allein die Bekanntschaft von Etcetera.
Ja, Etcetera. Das ist nämlich die Kurzform von „Meine Eltern konnten sich zwischen den 20 beliebtesten Namen der zur Volkszählung 1890 nicht entscheiden“.
Etcetera scheint selbst neu in der Welt, bzw. hat noch einiges zu entdecken. Was im ersten Moment wie eine Kommunistenparty wirkt, verbirgt um einiges mehr und ist der Einstieg in einen Wandel, der gerade erst eingeläutet wird. Die Gestaltung der Charaktere hat leider nicht ganz so meinen Geschmack getroffen, da sie mir teils doch zu distanziert waren. Ich hatte nie das Gefühl, die Situationen nachempfinden zu können.

Das Ganze spielt sich im 21. Jahrhundert ab, der Planet ist vom Klimawandel gezeichnet und die Machtverhältnisse scheinen immer mehr zu verdeutlichen, dass du nur etwas zu sagen hast, wenn du das entsprechende Geld zur Verfügung hast.
Ressourcen werden mittels 3D Drucker erzeugt, doch was im ersten Moment wie ein Fortschritt wirkt ist ein Rückschritt für die Menschheit selbst und die hart erkämpfte Freiheit.
Da kommen die Walkaways ins Spiel – mit dem Ziel sich dem jetzigen System entgegenzusetzen wird ein Weg eingeschlagen, der wesentlich mehr offenbart und alles zu verändern scheint.

Teilweise war ich wirklich hin und her gerissen, zwischen Faszination und Langatmigkeit.
Es ist gar nicht so, dass sich hier viele unnötige Szenen wiederfinden, doch durch den Spielraum, den Cory Doctorow seinen Lesern lässt, um sich selbst ein Bild zu machen, war ich immer wieder dazu verleitet ein wenig meine Gedanken schweifen zu lassen und teils den Faden zu verlieren.
Kurz darauf hat mich dann wieder eine Dringlichkeit erfasst, die mir die Wichtigkeit dieser Geschichte verdeutlicht hat.

„Cory Doctorows Walkaway erinnert uns daran, dass die Zukunft, für die wir uns entscheiden, auch die ist, in der wir leben werden“
Edward Snowden

Science Fiction oder doch nahe Zukunft?

Ist es nicht immer so, dass man denkt, dass die ganzen Schreckensszenarien viel zu weit von einem entfernt sind?
Selbst große Veränderungen liegen im Sprachgebrauch und vor allem in Gedanken immer in weiter Ferne.
So erscheint es einem auch in dieser Geschichte, allerdings mehr am Anfang. Denn auch, wenn es teils ein wenig abgedreht wirkt, so sickert doch immer mehr die Erkenntnis durch, welche Parallelen sich zu der eigenen kleinen Welt erschließen. In welcher Welt möchten wir leben und was wären wir bereit dafür zu tun?

Die Armen werden ärmer und die reichen werden reicher.
Es scheint das stetige Gefühl zu existieren, das die Welt, bzw. die Gesellschaft immer und überall die gleichen Fehler macht – fressen oder gefressen werden. Doch was ist das für eine Philosophie, mit der wir leben?
Und genau das haben sich die Walkaways auf die Fahne geschrieben, ihr Schicksal endlich selbst in die Hand zu nehmen und der Welt ihren nötigen Anstoß zu versetzen, um es endlich besser zu machen.
Aber natürlich ist auch hier nicht alles Gold was glänzt – ein ziemlich lustiges Worstpiel, wenn man den Hintergedanken dieser Bewegung bedenkt.
Schwarze Schafe gibt es überall und auch Denkweisen, die nicht so simpel umzusetzen sind, wie man es sich erhofft. Oder vielleicht auch einfach falsch angegangen werden, denn zu einer „besseren“ Gesellschaft gehört wesentlich mehr als nur festzustellen, dass die derzeitige verbesserungswürdig ist. Man muss es tatsächlich selbst besser machen.

Walkaway war für mich persönlich eine neue Leseerfahrung.
Bisher habe ich mich weniger mit den Aspekten von Utopien befasst und dem Konzept, das dahinter steht.
Ich kann schlecht beurteilen, ob sich diese Geschichte für Einsteiger empfiehlt, denn neben interessanten und wirklich gut durchdachten Anregungen stößt man hier auch auf verwirrende Verstrickungen und muss ein wenig Durchhaltevermögen mitbringen. Trotz der Kritikpunkte bin ich aber dennoch beeindruckt und werde die Geschichte im Gedächtnis behalten.

Cory Doctorow hat mich mit Walkaway definitiv überrascht!
Ein utopischer Sci-Fi Roman, der unglaublich ausgereift ist und zeitgleich viel Platz für eigene Interpretationen und Gedanken lässt. Ich habe selten etwas gelesen, was gleichzeitig anspruchsvoll und doch so pragmatisch geschrieben war – ein Buch, das in meinen Augen nichts für zwischendurch ist, weil man sich doch auch Zeit lassen muss, damit die Geschichte sich ganz entfalten kann. Und auch, wenn ich ein paar Kritikpunkte hatte, hat mich die Geschichte auch ebenso beeindruckt – denn ein Gedanke geht einem nach dem Lesen nicht mehr aus dem Kopf:
Wie weit würde man für eine bessere Welt gehen?

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AUCH REZENSIERT VON:  Feiner reiner Buchstoff  |  Mikka liest  |  Mina reads

7 comments found

  1. Liebe Jill,
    die Ersten Sätze des Klappentextes und dein Fazit machen auf jeden Fall neugierig 🙂
    Ich werde mir das Buch mal auf der Liste speichern.
    Wie du schon sagtest stößt man gar nicht allzu oft auf utopische Geschichten, ich kenne bisher nur Scythe.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    1. Liebe Nicci,

      es freut mich, dass ich dich ein wenig neugierig stimmen konnte!
      Falls du mal zu dem Buch greifen soltest, bin ich super gespannt, ob es deinen geschmack treffen kann.

      Liebste Grüße <3 Jill

  2. Servus, Jill.
    Science Fiction-Literatur ist ein ausgesprochen dankbares, weil vielfältiges Revier. Von Einzelnen, die Aufbegehren, weil Gleichschaltung Entmenschlichung bedeuted. Künstliche Systeme, die der Menschheit absolute Glückseligkeit gewährleisten, alles menschliche allerdings nach & nach austilgen, weil gefährlich für eine totale Harmonie. Oder Menschen, die erkennen, dass sie nicht ein Leben führen, sondern dutzende – & die Trennschicht zwischen diesen Realitäten wird brüchig.

    Eine dicke Empfehlung diesbezüglich für die Kurzgeschichten von James Tiptree jr (alias Alice B. Sheldon).

    bonté

    1. Lieber Rob,

      sehr schön auf den Punkt gebracht!
      Gerade dafür ist Walkaway auf jeden Fall ein Vorzeigebuch.
      Und vielen Dank für die Empfehlung, da werde ich mich gleich einmal schlau machen!

      Liebste Grüße <3 Jill

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